Freitag, 12. Mai 2017
Nehmen und Benannt Werden
Mein liebster und wie ich finde faszinierendster Rechtschreibfeeler, den ich schon mein ganzes Leben lang immer wieder mache, passiert mir stets im Wort "Name".

Und zwar schreibe ich dann immer "Nahme", in den verschiedensten Kontexten.
In einer Lateinarbeit in der 10. Klasse ist mir das zum ersten Mal passiert, ich weiß es heute noch ganz genau: Ich schrieb von einem "Beinamen", den irgendwer bekommen hat, und es wurde "Beinahmen" draus.

Über wen auch immer ich damals schrieb, ich habe keine Ahnung mehr, er hat seinen Beinamen doch von anderen bekommen und ihn sich nicht selbst genommen! Ich habe ihm mit meiner Ideographie damit etwas unterstellt, was vielleicht sogar total seiner Persönlichkeit widerspricht - na gut, da es sich mit Sicherheit um einen alten Römer handelte, wahrscheinlich auch nicht, aber egal. Jedenfalls ist mir das damals gar nicht aufgefallen, dieser HINTERSINN! War mir einfach nur peinlich, dass mir tatsächlich in einer Lateinarbeit ein Rechtschreibfehler angestrichen wurde. Nicht gewertet, aber immerhin. Habe es mir gespielt belustigt damit erklärt, dass mein Kopf durch das zusammengesetzte Wort, also "Bei-Name" in der Schnelligkeit des Schreibens irgendwie an "An-nahme" oder so gedacht hat und deswegen die Schreibhand das "h" hineingemogelt hat.

Warum ich überhaupt über diesen alten Hut philosophiere?

Nun, erst einmal, weil es mir gerade eben schon wieder passiert ist: "Nahme". Und nicht das erste Mal seit der Lateinarbeit vor zwanzig Jahren. Ich denke immer wieder daran zurück, und eben wegen diesem Hintersinn: Einen Beinamen, den nimmt man sich doch nicht, oder? Man bekommt ihn von anderen, wegen irgendwelcher Verdienste oder Besonderheiten oder Sommersprossen. Man nimmt ihn sich nicht einfach, denn dann gehört er einem ja nicht. Das ist Selbsterfindung, unauthentisch, Lüge/Fake.

Puh. Ich war immer sehr, sehr streng in diesen Dingen, stelle ich gerade rückblickend fest.
Ich habe mir nie erlaubt, etwas über mich selbst zu erfinden. Ich wollte immer ganz sauber und echt sein, und wegen meiner Integrität und Echtheit überzeugen. Den Beinamen für die tollsten Verdienste und Sommersprossen verliehen bekommen.

Dabei habe ich ja immer erfunden, was das Zeug hält.
Die Figuren in meinen fiktiven Geschichten, die durch ihre unglaubliche Komplexität auffallen, die habe ich von vorne bis hinten erfunden. Aus den wildesten Ideen zusammengestellt, durchfühlt und weiterentwickelt, so dass ich irgendwann Dinge hörte wie: "Deine Charaktere sind ja viel zu echt."
Echt? Aber wie das! Sind doch alle fiktiv! Vielleicht einen Hauch erfahrungsbasiert, oder sogar in der ein oder anderen Komponente autobiographisch, aber doch nicht echt!
In ihnen stecken so viele Dinge, die ich niemals war und niemals sein werde. Oder, um es mal präziser zu formulieren: Die ich niemals zu sein oder werden mir zu hoffen erlaubte.
Wööööööh. Der Satz sieht ja blöde aus.
Ist aber leider wahr. Selbstwertempfinden: kleiner/gleich eins auf einer Skala von null bis unendlich. Und kein bisschen selbsterfundene, selbst genommene Glorie oder Glitzer dabei. Nur die Mauern: aus Zeug, komplexen Figuren und Speck. Isolationsschichten gegen Kälte, Schmerz und die Realität.

Auch ein ganzer Müllsack, der früher oder später vor die Tür muss. Ich arbeite daran, ihn weiter zu füllen. Mit Zeug, Speck und Seelenmüll. Ich möchte an dieser Stelle betont deutlich darauf hinweisen, dass ich nicht vorhabe, auch nur einen einzigen meiner fiktiven Charaktere wegzuwerfen. Das wäre ja wie Körperteile abreißen, wer will denn sowas.

Hab übrigens keine Sommersprossen, noch nie gehabt. Will auch keine. Aber wennse mal kommen, würd ich sie auch nehmen. Was das Leben einem so gibt.

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bei lulurox muss ich an lulu rouge denken. mag ich.
aber schön isses hier.
komplexität sollte nicht mit mülligkeit verwechselt werden. solange man nicht total den überblick verliert, darf die schon auch mal stehen bleiben. ;)

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Komplexität...
... ist nicht automatisch gleich Mülligkeit, dem stimme ich sofort zu. Delfinitiv. Ein sehr wichtiger Gedanke.

Und der Überblick ist eine sehr wichtige Sache, doch Komplexität braucht auch Raum zur Entfaltung, und da stoße ich zumindest immer wieder auf Probleme: zu wenig Platz, auf den verschiedensten Ebenen.
Das ist es wahrscheinlich im Kern: Wo verläuft die Grenze? Worauf kann oder muss ich vielleicht sogar verzichten, um etwas Bestimmtes zu erreichen? Oder im Umkehrschluss: Will ich etwas Bestimmtes überhaupt erreichen, wenn ich dafür auf etwas vielleicht nicht zwingend Lebenswichtiges, aber Liebgewonnenes verzichten muss oder sollte?

Oje, voll in ein philosophisches Loch getappt. Diese Gedanken kann man echt vom Hölzchen zum Stöckchen bis zum ganzen Sägewerk weiterführen. Sehr schön.

Hab mir Lulu Rouge mal angehört! Kannte ich bisher nicht. Gefällt mir, und nicht nur wegen des Namens.

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